Kühe, Kamele und Erlebnisse an der ägyptischen Grenze

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Der zweite Aufenthalt in Assuan war geprägt von neuen Kontakten.
Noch am Abend wurde ich von Max angesprochen. Er ist aus Johannesburg und hatte vor mit seiner Honda XRV von dort nach Paris zu fahren. In Äthiopien hatte er sich den Kettenantrieb abgedreht. Ein Schaden der vor Ort einfach nicht zu reparieren war, also schickte er schweren Herzens sein Motorrad heim und reiste mit Bussen weiter. Er hatte uns bereits in Wadi Halfa an der Grenze gesehen konnte da aber nicht aus dem Bus raus.
Wir verbringen einen netten Abend auf der Dachterrasse des Nil Hotels und Essen auf einem praktisch leeren Restaurant-Boat auf dem Nil, direkt an den alten Steinen im Fluß.
In Assuan befanden sich die am weitesten Fluß abwärts gelegenen, nicht schiffbaren Stromschnellen (1 . Katarakt)
Daher die immense Bedeutung der Stadt als Handelsplatz. Von hier konnte Richtung Luxor, Kairo und Meer bequem mit dem Schiff transportiert werden. Bis nach Assuan kamen die nubischen Karawanen durch die Wüste und ab dort wurde die Fracht auf Schiffe verladen. Noch heute werden Kamele durch die Wüste des Sudan bis nach Wadi Halfa geführt. Nur, dass sie dort dann auf LKWs gebracht werden und nichtmehr auf Schiffe.
Max hatte eine lange Liste an Tipps für uns. 

Am nächsten morgen gleich zum Amt. Was steht davor? Eine voll bepackte KTM Adventure mit "Ausländer-Kennzeichen". Sie gehört Wisam, er ist eigentlich Palästinenser mit jordanischem Pass und lebt in Dubai. Er fährt Grad durch sein 110. Land. Und hat das gleiche Problem wie wir nur hat er vorher schon in einem Blog von dieser Bestätigung gelesen.
Welch ein Vorteil wenn man arabisch kann! Schnell erledigen wir die Anträge, eigentlich wäre alles fertig aber die Unterschrift vom Chef fehlt noch, der geruht aber erst gegen 10:30 Uhr ins Büro zu kommen. Auch obwohl er im Haus wohnt. Auch Versuche mit "WD 40" durch Wisam bringen nichts. Wir fahren Tanken und Wasser holen und treffen uns später wieder am Amt. Dann geht es tatsächlich mal schnell! Offiziell wurde uns allen bestätigt, dass es keine offenen Bussgeldstelle genau gegen uns gäbe. 
Um kurz nach halb starten wir. Wir wollen eigentlich gemeinsam nach Toshka fahren aber verlieren uns schon im Assuaner Stadtverkehr. So fahren wir jeder für sich durch die Backofen-Umluft-Hitze des Chamsin bis an die Abzweigung nach Abu Simbel.
Dort dann großes Wiedersehen! Der Ausflug zum Zettelholen hat an und für sich gut geklappt. Aber mir ist auch klar geworden, dass ich diese Reise nicht alleine machen wollen würde.
Wisam fährt weiter nach Abu Simbel, er möchte morgen die Grenze nach Wadi Halfa probieren.
Wir fahren geradeaus weiter nach Argin. Diese Strecke ist legendär inexistent. Sie ist sicher schon einige Jahre alt und führt kerzengrad an die Grenze zum Sudan. Sie ist nicht im Garmin Kartenmaterial, nicht auf der Reise-Know-How Karte und selbst nicht auf Google Maps.
Wir vertrauen auf Forenberichte anderer Reisender und fahren auf der perfekten Asphaltstraße schnell nach Süden. Die Straße ist gesäumt von Kuhkadavern. Vom Sudan werden nach Ägypten Kühe und Kamele exportiert. Die offenen Sattelauflieger mit den eingepferchten Tieren sind uns die letzten Tage schon mehrmals begegnet. Offensichtlich rechnet man mit einer gewissen Ausfallquote und schmeißt die Toten Kühe dann einfach von der Ladefläche. Der Name "Dead-Cow-Trail" drängt sich auf.
Wir landen mitten im Nichts am Grenzübergang Argin oder Argeen. So wie es wirkt wird er fast ausschließlich von Reisebussen verwendet. Während unseres gesamten Aufenthaltes an der Grenze sahen wir keinen PKW geschweige denn ein Motorrad.
Wir waren etwas sehr besonderes. Es stellte sich bald ein freundlicher älterer Ägypter, eher klein mit Bauchlein und Schnauz als "General Customs" vor. Da er der einzige hier an der Grenze sei der richtig Englisch könne werde er sich jetzt um uns kümmern. Er war früher Manager einer Nilkreuzfahrtgesellschaft aber dann musste er sich was anderes suchen und landete beim Zoll. 
Wir arbeiteten uns durch den Ägyptischen Grenzwahnsinn es lief eigentlich alles gleich von den Schritten wie in Nuweiba nur besser: es lag alles konzentrierter zusammen, die Wege waren kürzer, wir waren auf das schlimmste eingestellt und wunderten uns über nichts. Dem kleinen Kiosk neben der zentralen Kopierstelle bescherten wir dabei ein sattes Umsatzplus. Ein kleines Missverständnis gab es noch, als der General wegen der freiwilligen Zuwendung für ihn fragte und die 300,- Ägyptische Pfund als Freiwilligkeit pro Kopf und nicht für alle drei bewertete. Also gaben wir mehr Freiwilligkeit.
Nach 6 Stunden waren wir aus Ägypten ausgereist. Keine ägyptischen Kennzeichen mehr, kein Zurück mehr, dieses Land lag hinter uns. Zur Ausfahrt aus dem Kasernentor gab es wie zum Abschied einen vollständigen Stromausfall und in absoluter Dunkelheit ging es weg von dem Sinnbild einer erstickenden Verwaltung.

Nun Ägypten. Es hat uns viele, viele Nerven gekostet und erstmal müssen wir dorthin nicht zurück.
Aber was kann die Bevölkerung für diese Beamtenwillkür?
Nach Ägypten reisen? Ja, unbedingt! Und zwar maximal halbindividuell zu den sagenhaften Denkmälern dieses Landes. Und einfach ausnützen, dass man völlig alleine die weltweit bekanntesten Orte besuchen kann.
Weil wie geht es weiter? Entweder erholt sich der Tourismus und die Orte werden wieder überlaufen oder nach und nach werden die noch vorhandenen und funktionierenden Reste der Tourismusindustrie auch danieder liegen. Eine Reduktion um bis zu 95 % übersteht kein Wirtschaftszweig.
Reisen durch Ägypten mit dem eigenen Fahrzeug? 
Wir werden nach dieser Reise ein paar Tipps aus unseren Erfahrungen zusammenstellen und hier hinterlegen. Viele unserer Probleme wären nicht da gewesen oder kleiner gewesen wenn wir im Vorfeld davon gewusst hätten. Wir laden auch jeden der auch mit dem eigenen Fahrzeug durch dieses Land möchte ein sich bei uns zu melden.
Trotz allem wird dieser Weg in Ägypten eher was für den Reise-Masochisten sein.

Nach 50 m kamen wir an die Sudanesische Grenze, wir würden auf den Hof gelassen und ein netter älterer Herr stellte sich als unser zuständiger Zöllner vor

Um vier klingelt mein Wecker. Leise schleiche ich mich raus. Unseren Nachtwächter störe ich versehentlich beim Morgengebet. Danach hilft er mir mit Gepäck und Maschine. Er meint ich müsse schauen ob die Polizei mich durchlasse aber seiner Meinung wäre die Fahrt nach Assuan jetzt möglich. Der Chamsin bläst noch aber bei weitem nichtmehr so schlimm wie gestern abend. Dem Polizeiposten ist das einsame Motorrad völlig wurscht, die überkorrekten Offiziere schlafen noch.
Durch den Sandsturm geht es nach Norden. Ich habe hauptsächlich Rückenwind und fahre ohne es wirklich zu merken 120 km/h.
Ganz alleine 300 km durch die dunkle Wüste... diese mulmige Gefühl kenn ich sonst nur vom nachts ganz alleine Skitour gehen.
Ach, und Yusuf begleitet mich, aber der Arme schaut in der staubigen Luft erbärmlich aus. Alles ist voll dem feinen Wüstensand, jedes Eck von der Maschine, im Mund und vor allem in der Nase. 
Teilweise hat sich der Sand auch auf der Fahrbahn abgelagert. Einmal ist sie auf etwa 30 Meter vollständig verdeckt. Ich erkenne es zu spät, zum Glück muss ich nicht lenken und die Maschine pflügt problemlos durch.
Langsam wird es hell und etwa 30 km vor Assuan kommt die erste Tankstelle. Es gibt nur 80 Octan. Egal...ich fahre ja einen braven und genügsamen Traktor. Wie bei uns mit dem Schnee ist der Tankwart gerade dabei den Sand der Nacht aus seiner Tankstelle zu räumen.
In Assuan wieder über den gesicherten Damm und dann der groben Orientierung nach zum Fussballstadion. Hier soll das zuständige Amt sein. Dort angekommen frage ich auf der Straße. Von so einer Polizeistelle oder so einem Amt hat hier noch niemand was gehört. Ich wende mich an einen Motorradpolizisten. Auch er hat keine Idee. Nach langem hin und her mit seinem Google Translator lese ich: "No possibility to cross border to Sudan".  Na Pfiatdi Gott.
Eigentlich wollten ich um Punkt Neun auf dem Amt sein damit wir heute noch weiter fahren können. Ich entscheide mich zum Tourist Office am Bahnhof zu fahren. Den Weg kenne ich und vielleicht können die mir helfen. Ein netter älterer Herr mit gepflegtem Englisch sagt mir ich müsse zur Tourist Police und erklärt mir den Weg. Sie ist nur drei Straßen weiter und ich finde sie schnell. Und wieder: keine Ahnung wovon der Ausländer mit dem Motorrad spricht. Auch wieder kein einziger Polizist der Englisch kann. Der Leiter geht mit mir ein Stück die Straße hinunter zu einem Hotel. Die Dame an der Rezeption kann dolmetschen. Von so einem Formular hätten sie noch nie gehört. Aber wenn dann bei der Verkehrspolizei. Wo die denn sei? Ja, auf der anderen Seite der Stadt, der Weg sei etwas kompliziert. Ich lasse mir die Adresse auf Arabisch aufschreiben und fahre zum nächsten Taxifahrer. Er führt mich hin. An der Kaserne der Verkehrspolizei wollen mich die Jungs mit den automatischen Waffen gleich vertreiben, es gäbe überhaupt keinen Grund warum man zu ihnen wolle.
Irgendwann kommt ein lachender alter Polizist. Er hat tatsächlich von diesen Papieren für die Grenze schon gehört. Aber hier bin ich falsch. Er schreibt mir die Adresse auf einen Zettel und gibt mir eine richtig gute Wegbeschreibung. Auf der Straße vom Nil zurück Richtung Abu Simbel kommen nach etwa 3 km auf beiden Seiten der Straße Tankstellen und da muss ich links rein und soll nochmal fragen. Irgendwie finde ich wieder zum Nil, fahre wie beschrieben und wo sind diese Tankstellen? In Sichtweite vom Fussballstadion. 
Nach ein paar Mal mit meinem Zettel fragen stehe ich vor den Wachmännern von so etwas wie der zentralen Bussgeldstelle. Jaja, das sei hier, aber heute arbeite doch keiner, es ist doch der 1. Mai.
In diesem Land komme ich mir immer wieder vor wie bei "Versteckter Kamera". Aber den ersten Mai zu übersehen...das wäre uns zu Hause nicht passiert. 
Also Morgen wieder kommen.
Irgendwie erwische ich Alex und Marc über WhatsApp und der Rest des Tages wird, wieder im alten Hotel, zwangsläufig Ruhe- und Motorradchecktag während der Chamsin weiter die Stadt umklammert.
Aber morgen soll es besser werden.

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