Eine Gebirgstrage für den Mt. Kenya

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Reisetag 35

Kilometer 7792

Wir wachen im Ranger Lager zwischen Baboons und stolzen Hirschen vor unseren Fenstern auf.
Wie kommt es nun, dass wir als Gäste mitten im Herzen des Kenya Wildlife Service am Mt. Kenya aufwachen?
Da muss ich lange ausholen. Genau genommen bis 1970.
Der Mt. Kenya ist mit 5199 m der zweithöchste Berg Afrikas. Aber im Vergleich zum höchsten, dem Kilimandscharo, sind die beiden Hauptgipfel Batian und Nelion bergsteigerisch um vieles anspruchsvoller.
So kamen 1970 auch die beiden jungen Innsbrucker Ärzte und ausgezeichneten Alpinisten, Gert Judmair und Oswald Ölz auf die Idee den Berg zu besteigen. 1970 eine völlig andere Leistung als heute. Es gab praktisch keinerlei Unterstützung von ausserhalb.
Beim Abstieg passierte es direkt unter dem Gipfel, Gert Judmair stürzte ab und zog sich einen offenen Unterschenkelbruch zu.
Schwieriges Klettergelände auf über 5000 m Höhe und keine Chance irgendwie selbständig abzusteigen. Oswald Ölz musste alleine hinunter um Hilfe zu holen. Aber welche? 
Gert Judmair saß in der Falle. Der Unfall und Gerts missliche Lage wurde bekannter und bekannter und so hörte Gerts Vater davon. Wir sind in einer Zeit lange vor Handy und Satelliten Telefon. Da  hat man vom Absturz seines Sohnes tatsächlich noch über  die Zeitung erfahren. Gerts Vater setzte alles in Bewegung um seinen Sohn, wenn möglich noch lebend, vom Berg zu holen.
Er nahm Kontakt mit der Bergrettung Innsbruck auf und so begann die "Interkontinentale Bergrettungsaktion am Mt. Kenya". Es fanden sich vier Bergretter der Ortsstelle Innsbruck und zwei Bergretter der Nachbarortsstelle Hall die so schnell wie möglich über München und Entebbe nach Nanyuki kamen. Die Strecke von Nanyuki zum Ausgangspunkt die wir gestern auf der Piste in einer guten Stunde erledigten war damals, noch in der Regenzeit eine weglose Qual.
Am Ende, am Berg war die Bergung fast wie daheim. Gert konnte tatsächlich noch lebend geborgen werden, zurück nach Innsbruck gebracht und dort medizinisch ausversorgt werden. Neben dem Können der Bergrettung war auch viel Glück im Spiel.
Wen die Originalgeschichte interessiert, dem  kann ich den schönen Artikel vom damaligen Retter und heute immernoch aktiven Innsbrucker Bergretter Walter Spitzenstätter empfehlen:


Bildquelle: https://www.alpenverein.at/portal/news/aktuelle_news_kurz/2016/2016_10_10_bergwelten-still-alive-mt-kenya.php
45 Jahre später entschied sich Reinhold Messner diesen Ausnahmestoff zu verfilmen. Die beiden Ötztaler Kletterer Hansjörg und Vitus Auer spielten Gert und Oswald. Die Rettungsmannschaft wurde wieder von Innsbrucker Bergrettern gespielt, nun von der heutigen Einsatzmannschaft.
Teilweise wurde auch hier, am Originalschauplatz gedreht. Am Ende entstand der lohnende Film "Still alive".
Bei diesen Dreharbeiten 2015 geschah es dann, dem Wildlife Service am Mt. Kenya wurde eine der neuen Titangebirgstragen der Bergrettung Tirol versprochen.
Gebirgstragen sind neben Seilen das Kernelement der Bergrettung. Durch ihre spezielle Bauart ermöglichen sie es Patienten wenn nötig auch über längere Strecken und über schwieriges Gelände liegend zu transportieren.
Es dauerte bis die Finanzierung geklärt war, am Ende wurde die Trage durch das Land Tirol und die Filmproduktionsfirma Riva bezahlt, die Transportkosten übernahmen Reinhold Messner und die Ortsstelle Innsbruck.
Der Transport ist gut, aber wer übernimmt die Einweisung und die Übergabe?
Und da kam unsere Reise ins Spiel.
1970 hätte wohl keiner der Bergretter gedacht, dass einmal der zukünftige Ortsstellenarzt an diesem Ort auf dem Weg von Innsbruck nach Kapstadt mit dem Motorrad vorbei kommt!

Am Vormittag nahm ich am Erste Hilfe Kurs teil, ABCDE Schema, Fragen wie man den Atemweg frei halten soll und gleichzeitig die Wirbelsäule schonen, Diskussionen über die Sinnhaftigkeit von Tourniquets und Quickclot. Exakt, aber sowas von exakt wie bei unseren Kursen.
In einer Pause beglückwünsche ich Ranson, den Ausbildner, zu seinem Kurs und sage er könnte eins zu eins bei uns anfangen.
Wirklich gerührt umarmt er mich.
Wie haben wir es nur geschafft, dass ein ganzer Kontinent die gleiche Arbeit leistet, das gleiche Wissen teilt, dabei noch dazu viel freundlicher und empathischer im Umgang ist, dass ein ganzer Kontinent einen solchen Minderwertigkeitskomplex hat, dass er glaubt nie die Standards in Europa erreichen zu können? Hier haben sie sie schon längst.
Nach dem Mittagessen dann der Moment: die Einweisung in die Gebirgstrage. Heute ist der Tag mit den Praktikern. Diese Burschen werden auch mit der Trage arbeiten. Morgen ist der offizielle Termin für die Übergabe mit George und dem Regionalleiter des Kenya Wildlife Service. 
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Vor der Reise hatte ich Sorge, dass es nur eine Übergabe in einem Büro an irgendeinen Goldfasan der keine Ahnung von Bergrettung hat, geben wird. Welch ein unglaublich glücklicher Zufall genau zu diesem Kurs anzukommen.
Die Teilnehmer verstanden das Zusammensetzen und Zerlegen der Trage sofort. Von den Vorteilen des Einrades und der Möglichkeit beim Tragen Schultergurte zur Unterstützung zu verwenden waren sie begeistert. Es war sehr angenehm diesen Unterricht zu halten. Alex und Marc unterstützten mich hierbei. Am Vormittag hatten sie eine Wanderung durch den schönen Wald hier unternommen.
Heute ist Alex' Geburtstag. Da wir hier kein Netz haben ist ausgerechnet heute kein Telefonat nach Hause möglich. Aber Alex hat ein sehr süßes Video von seiner Tochter und seiner Frau für diesen Tag zugeschickt bekommen.
Und siehe da: Alex zaubert eine Sacher Torte in der Dose aus seinem Gepäck.
Es gibt Kaffee und Kuchen und gemütlich lassen wir den Tag ausklingen.


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