Reisetag 81

Kilometer 16.060

Um acht stand ich wieder bei Mario und David in der Werkstatt. Nach einer halben Stunde war das Getriebe ausgebaut und was sehen wir da?
Der Zahnkranz der Kupplung ist vollständig abgeschliffen. Die Kupplung ist ein Verschleißteil aber der Schaden ist trotzdem ungewöhnlich. Zumindest die Welle zum Getriebe scheint in Ordnung zu sein.


Wir brauchen eine Kupplungsscheibe für eine BMW R 100 GS Baujahr 1990. Das müsste selbst daheim, ausserhalb von Antons Werkstatt in Bad Hindelang, bestellt werden. Mario fragt nach. Das Teil würde direkt von ZF Sachs aus Deutschland kommen. Erwartete Lieferzeit 2 Wochen. In 2 Wochen wollen wir eigentlich schon wieder bei unseren Familien sein.
Das Telefonieren geht los. In Durban in Südafrika gibt es einen Händler der auf Klassik Motorräder spezialisiert ist. Er glaubt so eine Kupplungsscheibe zu haben, muss sie aber suchen. Durban. Besser als Schweinfurt, aber trotzdem einige Tage Lieferzeit entfernt. Ich denke schon darüber nach von Walfisbay über Kapstadt nach Durban zu fliegen.
Dann steht plötzlich Heiner hinter mir. Er ist aus Swakopmund und Chiropraktiker. In den Dünen fährt er eine Yamaha Ténéré. Aber er restauriert gerade eine BMW R 80 GS. Die hätte die gleiche Kupplung. 
Und ein Freund von ihm müsste einen R 80 Ersatz-Motor in der Garage stehen haben. Hier in Swakopmund!

Heiner telefoniert mit Christian. Christian ist vor einigen Jahren aus Deutschland nach Swakopmund ausgewandert. Auch fürs Motorradfahren. Und er hat in seinem Umzugscontainer seine Lieblingsmaschinen mitgebracht.

81 - Und da steht der Heiner plötzlich in der Werkstatt!

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Um 13:00 haben wir einen Termin. Ich richte alles zum Einbauen her und hoffe inständig.
Heiner holt mich um kurz vor eins mit der Ténéré ab und wir fahren zu Christian. Die Tür der Garage geht auf und was steht da? Zwei R 80 G/S, eine R 100 GS in grün-weiß und eine R 100 GS in rot-weiß, Baujahr 1990. Genau meine Maschine, nur grad zugegebenermaßen in etwas besseren Zustand. Was für eine Sammlung! Für die würden schon in Bayern  einige töten! Und am Boden? Da steht ein alter R 80 Motor. Heiner und ich heben ihn auf einen Tisch und acht Schrauben später...es ist genau die richtige Kupplungsscheibe drin und sie sieht sehr gut aus!
Welch ein unfassbares Glück und welch eine Hilfsbereitschaft!
Wir trinken noch einen Kaffee zusammen und dann geht es zurück in die Werkstatt.
Ich baue alles nach bestem Wissen und Gewissen wieder zusammen. Es wird schon wieder fünf. Ein Probelauf geht sich noch aus. Ohne Hinterrad und auf dem Montagebock läuft sie super. Sie lässt sich ganz weich schalten. Ich hoffe das Beste. 
Wir ziehen weiter und gehen am Strand Abendessen.
Riesige Wellen und einen fast kitschigen Sonnenuntergang.
Im Hostel noch vorpacken und für morgen das Beste hoffen...

81 - Malerischer Sonnenuntergang zum Feierabend

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Reisetag 80

Kilometer 16.060

Heute sollte es einfach auf bekannten Wegen zurück nach Windhoek gehen. 
In der früh nehmen wir Abschied vom "Salty Jakal" und fahren an dem Ortsausgang. Hier steht "Martin Luther". Ein Dampftraktor der 1896 von Deutschland hergebracht wurde und der dafür gedacht war die Waren vom Schiff in Swakopmund ins Landesinnere zu bringen. Dies war bevor die Eisenbahn gebaut wurde. Auf der ersten Fahrt kam er 10 km weit. Dann blieb er liegen und es ging nichts mehr.
Weil Martin Luther am Reichstag von Worms 1521 gesagt haben soll "Hier steh ich nun und kann nicht anders" bekam das Dampfross den Spitznamen "Martin Luther".
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Es verwitterte neben der Straße bis es vor einigen Jahren restauriert wurde und man ein kleines Museum drum herum errichtete.
Wir lächeln etwas über die technische Fehlplanung und fahren weiter. Keine 40 km. Dann höre ich plötzlich Knirschen aus meinem Getriebe und die Maschine rollt aus. Keine Kraftübertragung bei schrecklichen Geräuschen. Mit Glück ist es die Kupplung, mit Pech ist es das Getriebe.
So steh ich also hier und kann nicht weiter. Nach 16.000 km nahezu ohne Probleme hat die alte Lady ein Ernsthaftes.
Geistig war ich schon bei den letzten Fahrtagen, den Abschlussfotos in Kapstadt und jetzt ist erstmal in der Namib Schluss.
Marc und Alex fahren zurück nach Swakopmund. Eigentlich bin ich ganz froh, dass der erste ernste Schaden seit Marcs Radlager der uns trifft hier in Namibia und direkt hinter einer Stadt mit Werkstätten passiert.
Marc und Alex treffen einen Motorradfahrer und halten bei der Polizei. Dort wird für uns bei Marios Motorradwerkstatt angerufen und der fährt sofort los um mich zu holen.
Zwei Namibianer halten noch während ich da so sitze um ihre Hilfe anzubieten. Beide meinen welch ein Glück ich hätte, daß mir dies im Winter passiert. Gut denke ich mir und trinke noch einen Schluck Wasser bei 30 Grad in der prallen Sonne und lasse weiter meine Haut verbrennen.
Marc kommt mit Mario zurück. Er ist wie er selber sagt "Südwester" also Deutsch-Namibianer. 
Er bringt einen Pritschenwagen mit und schnell ist das Motorrad verladen. Also wieder zurück nach Swakopmund. Es gibt schlimmere Orte zum Stranden.
Aber zum Thema Ersatzteile macht mir Mario wenig Mut. Jedes BMW Teil müsste aus Südafrika eingeflogen werden. Im Scherz sage ich, na ja am 12. geht unser Flieger. Er schaut mich an und sagt "Juli? Das schaffen wir nicht". Jetzt gilt es irgendwie improvisiert zu reparieren damit sie noch die 2000 km schafft.
Gemeinsam beginnen wir in der Werkstatt mit dem Zerlegen. Die Mannschaft macht für uns schon eine Überstunde aber wir kommen noch nicht bis zum Kern des Problems. Die Werkstatt ist keine 300 m vom Salty Jakal weg und zum Glück sind unsere Betten bei Jean-Babtiste noch nicht anderweitig vergeben und wir ziehen wieder bei ihm ein.
In der Werkstatt entscheiden wir uns morgen weiter zu machen und ziehen alle in das Bräuhaus von Swakopmund weiter.
Jetzt ist dann wirklich alles auf deutsch. Mit viel Bockbier, Kümmerlingen, Schweinsbraten mit Knödeln und Kraut und Kasspatzen klingt der Tag aus.
Hoffen wir das Beste für morgen.
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Reisetag 79

Kilometer 16.010

Nun sind wir wirklich am Atlantik. Am 26. April waren wir zuletzt am Meer, in Ägypten in Soma Bay am Roten Meer. Seitdem haben wir auf knapp 14.000 km den Kontinent diagonal durchquert. Wir sind nun am westlichsten Punkt der Reise angekommen. Die Namib geht hier direkt ins Meer über. Sie ist eine der wenigen echten Küstenwüsten der Erde.

Kaltes, antarktisches Wasser kommt mit dem Benguelastrom von Süden. Das Wasser erzeugt so kalte Luft, dass diese nicht aufsteigt und das Wasser nicht abregnet sondern im Gegenteil, die Feuchtigkeit über dem Meer kondensiert. So gibt es hier ganz oft sehr dichten Nebel. Gestern bekamen wir einen Geschmack davon. Ein wichtiger Grund für die vielen Schiffsunglücke an der Küste. Es bleiben keine Wolken und damit kein Regen fürs Landesinnere.
Im übrigen auch kein maritimes Klima. Ein Tageszeitenklima mit Temperatursprüngen von 50 Grad tagsüber und unter Null Grad nachts sind üblich. Da wächst nicht viel...
Da die Küste schon auf dem ehemaligen Godwana Urkontinent existierte gilt die Namib als die älteste Wüste der Welt.
Direkt südlich von Swakopmund eine andere Welt. Sandwüste, Sandstürme und direkter Übergang Meer in die Dünen. Nach nur 30 km ist Walfis Bay erreicht. Mit 62.000 Einwohnern immerhin schon die drittgrößte Stadt Namibias und der einzige echte Hafen. Ein Ausflug Richtung "Zentrum" endet etwas frustran. Nur breite Einkaufsstraßen. Also weiter Richtung Wüste. Wir fahren zur Düne Nr. 7. Eine der Haupt-Touristen Attraktionen. Mit 130 m Höhe gehört sie zu den Dünen die den Titel größte Düne der Welt für sich beanspruchen.
Am Grat steigen wir nach oben. Eine wunderschöne aber leblose Landschaft eröffnet sich. Die Namib ist hier eine Bilderbuchwüste.

79 - Es bläst der Wind.

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Von der Düne kann man wunderschön ins Tal springen. Wären mal unsere Schotterreißen so angenehm...
Im Anschluss fahren wir zurück nach Walfis Bay und an den Hafen. Hier gehen wir in ein Fischlokal. Bei uns entleert sich überall Sand und die Kellnerin begrüßt uns mit der Feststellung, dass wir auf Düne 7 waren.
Begleitet wurden wir beim Essen von einem Pelikan. Wir rechnet eigentlich damit, dass er betteln würde aber er leistete uns nur Gesellschaft. Wir haben alle noch nie einen so großen Vogel direkt neben uns sitzen  gehabt.
Das Wetter ist heute viel besser. Der Nebel hat sich auch in Swakopmund gelichtet und die Sonne scheint. Dafür geht ein kräftiger anlandiger Wind der in der Wüste richtig Sand vor sich her trägt.
Die Stadt schaut auch viel

79 - Aufstieg

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netter aus, so mit Sonnenschein.
Im Hostel lernen wir Ruben kennen. Er war schon gestern da aber wir haben nicht bemerkt, dass er deutsch spricht. Er kommt aus Ostfriesland und begleitet im Rahmen seiner Soziologie Doktorarbeit Anti-Wilderer-Programme. Ein bisschen schließt sich so der Kreis zum KWS in Kenia.

Morgen geht es zurück nach Windhoek und dann streng nach Süden!

79 - Auf dem höchsten Punkt.

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Reisetag 78

Kilometer 15.901

Heute verlassen wir Windhoek. Es geht nach Westen durch die Namib an den Atlantik.
Dies wird unser letzter Ausflug sein. Im Anschluss geht es nochmal für eine Nacht nach Windhoek und dann direkt nach Süden an unser Ziel.
Wir starten extra spät um schon etwas Sonne und Wärme beim Fahren zu haben. Jetzt sind wir wirklich im südafrikanischen Winter angekommen. Die Stadt wird ein kurzes Stück nach Norden verlassen um dann nach Westen abzubiegen.  
Es geht durch Savanne mit Landwirtschaft. Dann wird das Land immer karger und es wird wärmer. Wir nähern uns der Namib.
Es geht wieder an einer Bahnlinie entlang. An einer sehr alten, von den deutschen erbauten Verbindung von Svakopmund nach Windhoek. Die damalige 600 mm wurde mittlererweile durch eine breitere und modernere Kapspur ersetzt. Durch die Kapspur keine Krupp Spuren :-)
Es sind heute gute 360 km, auf den Namibischen Straßen kein Problem. Es wird einsamer und etwa 130 km vor Svakopmund sind wir in der Namib, hier einer Schotterwüste die um so näher wir der Stadt kommen um so sandiger wird. An einer schönen Stelle halten wir an und machen Fotos mit den Motorrädern in der Wüste.

78 - Yusuf, als einziger wirklich braun, in der Schotterwüste #fairrescue

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Wir passieren die größte Uranmine der Welt und dann, auf einmal ändert sich das Klima komplett. Die Luft wird feucht und kalt. Wir treffen auf den Svakop und kommen zur Stadt. Hier ist es richtig diesig. Kaum zu glauben, so eine kurze Strecke und so eine Veränderung.
Svakopmund wurde 1892 aus der Not heraus gegründet. Es gab den Naturhafen 40 km südlich in Walfisbay aber der war in britischem Besitz. Die junge deutsche Kolonie brauchte dringend einen eigenen Hafen. Eigentlich ist die Küste Namibias großteils ungeeignet. Die Namib geht direkt ins Meer über und der aus der Antarktis kommende Benguelastrom ist sehr kalt, hat starke Strömungen und erzeugt den klassischen Nebel.

78 - Willkommen in Svakopmund

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Der Abschnitt wird Skelettküste genannt. Je nach Quelle wegen der Skelette der gestrandeten Wale, wegen der Gerippe der vielen gestrandeten Schiffe oder wegen der Skelette der Seefahrer, die selbst wenn sie sich ans Ufer retteten verdursten mussten.
Der einheimische Name ist noch schöner, er heißt übersetzt "Land das Gott im Zorn erschuf".

78 - Nebel, Vogel und Meer

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An der Mündung des Svakop wurde der halbwegs beste Platz gefunden und ein künstlicher und gefürchteter Hafen angelegt. Um auch große Schiffe löschen zu können wurde eine Seebrücke errichtet. Heute das Zentrum der kleinen Stadt.

Wir kommen in einem wunderschönen Guesthouse an das sofort eher an eine WG als an ein Hotel erinnert. Um uns herum hauptsächlich abgehärte Surfer. Die Wellen sollen hier zu den besten der Welt gehören.








Reisetag 77

Kilometer 15.528

Heute wird mal wieder kein Motorrad bewegt. Wir schauen uns Windhoek, amtliches deutsch Windhuk, die Hauptstadt Namibias an.
Namibia ist ein sehr junges Land. Es war über hundert Jahre fremdbeherrscht. Anfangs kamen Portugiesen und Briten. Bis auf den natürlichen Hafen in Walfis Bay hat das karge und unwirtliche Land aber nicht interessiert. Namibia besteht im Osten aus der Kalahari, die in der Mitte des Landes in einen Geländerücken auf 2000 m ansteigt, hier liegt auch Windhoek, und im Westen aus der Namib, einer echten Küstenwüste zum Atlantik hin.
Im 19 Jhd. kamen einzelne deutsche Händler und Farmer die erste Siedlungen gründeten. Später wurde daraus ein deutsches Schutzgebiet und dann ab 1884 die deutsche Kolonie "Deutsch-Südwestafrika". Zwei Dinge machten das Land attraktiv: in den fruchtbareren Gegenden konnte man Viehzucht betreiben und man fand Diamanten. Anfangs seien diese einfach offen im Sand gelegen. Südwestafrika war die einzige deutsche Kolonie in die nennenswert deutsche Siedler kamen. Das erklärt auch die deutlichen deutschen Spuren bei Orts- und Straßennamen.

Anfangs behielten die Briten noch den einzigen natürlichen Hafen Walfis Bay und die Deutschen mussten in Svakopmund, 40 km nördlich an eigentlich ungeeigneter Küste einen künstlichen Hafen anlegen. Beide Orte werden wir uns die kommenden Tage ansehen.
Neben den eh schon weit in die Kalahari verdrängten San lebten hier als einheimische Bevölkerung nicht ganz friedlich miteinander die Herero und die Nama.
Die Kolonialisten brachten die Bibel, Alkohol und Schusswaffen mit. Sexuelle Übergriffe auf Frauen bis zur Sexsklaverei durch die  deutschen Schutztruppen wurden geduldet. Anfangs durch Handel wurde, verstärkt durch Dürre und Rinderpest, die Ausnützung der Herero immer brutaler.
Dies führte 1904 zum Hereroaufstand. Es wurden etwa 150 deutsche Siedler, meist unter Schonung von Frauen und Kindern, umgebracht.
Das Reich reagierte und verlegte 15.000 deutsche Soldaten unter General von Trotha in die Kolonie. Trotha, berühmt berüchtigt für seine Brutalität und für seine staatsmännischen Unfähigkeit war hoch umstritten. In deutsch Südwestafrika rächte sich die Fehlbesetzung. Mit rücksichtsloser Gewalt wurden 80.000 Herero, fast das gesamte Volk, umgebracht. Die Meisten, egal ob Männer, Frauen oder Kinder wurden dem Tod ausgesetzt in dem man sie mit Gewalt in die Wüste und von den Wasserstellen weg drängte. Konzentrationslager, Versklavungen und Vergewaltigungen waren an der Tagesordnung.
Immerhin schon 2015 hat die deutsche Bundesregierung die Ausrottung der Herero als Völkermord akzeptiert. Der Gedanken an ein bilogisches Aussitzen eventueller rechtlicher Ansprüche  von Überlebenden drängt sich auf. Das Haus in dem Trotha im Vorfeld in Hamburg den "Vernichtungsbefehl" unterzeichnet hatte gehört heute der Bundeswehr. Die nützt es für ihre Studenten und nennt es immernoch zu Ehren: Trotha Haus. Welch ein Vorbild für unsere zukünftigen Offiziere.
Im Ersten Weltkrieg wurde Namibia 1915 durch Südafrikanische Truppen erobert und nichtmehr ausgelassen.
Erneut war Namibia fremdbeherrscht, 1920 noch mit Mandat des Völkerbundes. Somit wurde auch in Namibia das menschenverachtende Apartheidsystem eingeführt. Der Internationale Gerichtshof erklärte diese Zwangsverwaltung 1971 für illegal. Es dauerte aber bis 1990 inklusive einem bewaffneten Kampf der heutigen Regierungspartei gegen Südafrika, dass Namibia, erstmals nach über 100 Jahren, unabhängig wurde. Natürlich auch erstmal ohne den Hafen Walfis Bay, der kam 1994 nach.
Vielleicht war es für das Land ein Glück in den 90ern unabhängig zu werden. In der Zeit glaubten wir ja alle wirklich an Frieden und an das Zurückstellen nationaler Interessen. Die Verfassung des Landes hat einige Besonderheiten. Es gibt im Land zum Beispiel 30 Sprachen, inklusive Deutsch. Egal welche der Sprache Amtssprache geworden wäre, man hätte die anderen diskriminiert. So wurde Englisch einzige Amtssprache, eine Sprache die von niemandem Muttersprache ist. Eine solch pragmatische Lösung war wahrscheinlich nur in den 90ern möglich.
Windhoek ist eine kleine Stadt mit knapp 300.000 Einwohnern. Hier wurde 1840 erstmals gesiedelt, offiziell besteht sie seit 1890. Damals Windhuk war auch die Hauptstadt Südwestafrikas und die deutsche Zeit hat deutliche Spuren hinterlassen. Auf diese begeben wir uns nach dem Frühstück.
Zuerst zur Christuskirche in der wir gleich den Gemeindebrief der deutschen Gemeinde ausgehändigt bekommen. 

77 - Die Christuskirche der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde Windhoeks

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Genau daneben liegt die alte Feste. Früher völlig alleine stehend wirkt das ehemalige Hauptquartier der deutschen Schutztruppe fast klein. Leider kann man nicht hinein. Das ehemalige Museum ist übersiedelt. Genau zwischen Alter Feste und der Christuskirche steht ein riesiges Gebäude das an eine Orangenpresse oder einen Stempel erinnert. Das neue Nationalmuseum. Wir besichtigen es. Schwerpunkt ist neben der Vorgeschichte die deutsche Kolonialisierung mit dem Völkermord an den Hereros und den Nama, das Apartheids-Regime unter südafrikanischer Herrschaft und dann, ganz groß, der Befreiungskampf durch die Swapo, der South-West African People's Organisation. Den sozialistischen Einfluss beim Kampf gegen Südafrika bemerkt man sofort. Die Heldenverehrung und die Bilder könnten genauso in Moskau oder Nordkorea hängen.
Das Argument einen sozialistischen Staat vermeiden zu müssen diente Südafrika um die Unabhängigkeit von 1971 bis 1990 hinauszuzögern. Und dann hat dieses "gefährdete" Land eine der besten Verfassungen und der stabilsten parlamentarischen Demokratien des Kontinents entwickelt. Als absolute Lichtgestalt, Vater der Verfassung und Vater der Unabhängigkeit gilt Sam Nujoma. Er war Führer der Swapo und später erster Präsident.
Auch beim Namen des Landes wurde Weitsicht bewiesen. Nachdem jede Bevölkerungsgruppe einen eigenen Namen für das Land hat wären wieder alle anderen diskriminiert worden. Also erfand man ein Kunstwort aus der alle verbindenden Wüste Namib.

Nach dem Museum ging es etwas durch die Stadt. Erstmals seit langem sowas wie ein Zentrum durch das man schlendern kann. Wir schauten auch bei Eva vorbei. Die Courage von gestern hat sie etwas verlassen, sie wird uns doch nicht begleiten.

Am Nachmittag etwas Ausspannen und Motorradpflege, Abends wollen wir in Joe's Biergarten, versprochen wird uns ungefähr das Hofbräuhaus Namibias.

Morgen geht's dann durch  die Namib nach Svakopmund und an die Skelettküste!





Reisetag 76

Kilometer 15.528

Das Wasser kam gestern nicht mehr. Grund war eine Leitungsbruch irgendwo. Ganz Ghanzi hatte kein Wasser. Deswegen bekamen wir im Restaurant am Ort auch kein Essen. Ohne Wasser hatten sie die Küche zugesperrt. Wir mussten mit vorbereitetem und aufgewärmten Essen von der Theke des hiesigen Spar Supermarktes vorlieb nehmen. Aber wir hatten schon schlechtere Essen...
Da wir nicht duschen konnten bekamen wir warmes Wasser in Kübeln und unser netter Gastgeber machte uns heute früh ein gratis Frühstück als Entschädigung.
Und dann passierte mir etwas wirklich unangenehmes. Ich wollte beim Packen Platz machen und schob mein Motorrad zurück. Dabei kam ich an Alex Maschine an, brachte sie aus dem Gleichgewicht und sie viel um. Leider genau gegen den Stahlpfosten des Flugdachs unter dem wir standen. In Alex Tank ist eine riesige Beule. So wie es ausschaut ist der Tank zum Glück aber noch dicht.
Nach all den Stürzen die wir hatten entsteht der größte Schaden an einem der Motorräder durch Anparken durch mich...

Nach Aufrichten und fertig Packen ging es schnell auf die Straße, eine lange Strecke wartete auf uns.

Und nun sind die 15.000 km geknackt! Ursprünglich wollten wir nach dieser Strecke schon fast in Kapstadt sein. Gute 2500 km werden wir mehr brauchen, aber wir nähern uns nun wirklich einem Ende!
Über das Geld brauchen wir gar nicht reden. Die Spenden sind selbst noch weit von der Hälfte entfernt wenn wir bei den 15.000 bleiben. Schade, wir hatten mehr erhofft.

In genau zwei Wochen geht unser Flieger von Kapstadt heim und heute haben wir unsere vorletzte Grenze passiert.

76 - Warnung vor der Wildsau

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Der 15. Grenzübergang seit Israel führte uns in das 14. und vorletzte Land, nach Namibia. Dem ehemaligen Deutsch-Südwestafrika. Im Gegensatz zu Tansania sieht man hier die Spuren der deutschen Kolonialherren noch deutlich. Deutsche Ortsnamen sind an der Tagesordnung.
In der früh ist es empfindlich kalt. Erst ab neun gewinnt die Sonne soviel Kraft, dass wir sie spüren. Die San sehen im Mond das Böse und Kälte...kein Wunder bei einem solchen Tageszeitenklima.
Weiter durch die Savanne. Wir sind nun auf dem ganz offiziellen Trans Kalahari Highway. Diese Strecke führt von der Walfis Bay in Namibia nach Johannesburg in Südafrika. Dafür führt sie mitten durch die Kalahari und durch das benachbarte Botswana. Die Strecke ist bereits 1850 erkundet worden aber erst seit 1998 ist die Strecke vollständig asphaltiert. Der Weg ist  gegenüber der üblichen Südroute um 400 km kürzer.
Parallel dazu sollte auch eine Bahnlinie verlaufen. Es gibt bereits eine Strecke von der Walfis Bay über Windhoek nach Gobabis. Wir fahren teilweise an ihr entlang. Sie ist aus den 20ern und somit eine der wenigen Namibischen Bahnstrecken die nicht mehr aus deutscher Produktion ist. Auch wenn die Gleise nicht so wirken, es gibt einen Zugverkehr. Eine Diesellok mit offenen Güterwagen überholen wir sogar.
Die Weiterführung der Strecke durch die Kalahari wurde aber aufgrund der erwarteten Unrentabilität doch nicht durchgeführt.
Kurz vor Windhoek ändert sich die Landschaft. Es wird wunderschön hügelig. Durch Kurven hindurch kommen wir in der Hauptstadt an.
Auf den ersten Blick eine sehr sympathische Stadt, sie wirkt sehr europäisch.
Die deutsche Kolonialzeit dauerte nur 31 Jahre aber die Prägung wirkt immens. Unser nettes Guest House ist Puccini- Ecke Mahler-STRASSE. Die Hauptsehenswürdigkeiten sind "Die alte Feste", "Das Reiterdenkmal" und die "Christuskirche". Und in welcher Stadt haben Bismarck, Mugabe und Castro schon Straßen in unmittelbarer Nähe?

76 - Die Geschichte Namibias kurz und knapp zusammengefasst...

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Wir spazieren in die Stadt und essen in einem netten Lokal. Die Wirtin Eva beginnt ein Gespräch mit uns. Mit dem Motorrad durch Afrika? Das war immer ihr größter Traum! Überhaupt mal mit einem Motorrad mitfahren! In der Tat haben wir hier keine Motorräder, auch fast keine Mopeds gesehen. Ist im zweit-dünnst besiedelten Land nach der Mongolei auch nicht so praktisch...
Wie gerne würde sie mit uns bis nach Swakopmund fahren. Naja, warum eigentlich nicht. Wir vereinbaren mit ihr morgen wieder bei ihr zu essen und wenn sie einen Helm besorgen kann nehmen wir sie übermorgen mit nach Swakopmund am Atlantik!


Reisetag 75

Kilometer 14.988

Jetzt geht es nach Südwesten Richtung Namibia. Durch die berühmte Kalahari Wüste. Bis nach Windhoek sind es gute 800 km. Leider ist genau in der Mitte kein Ort. Wir können heute 300 km oder 500 km fahren, wir müsse uns entscheiden.
Wir nehmen heute die kürzere Strecke und werden in der "Hauptstadt der Kalahari", Ghanzi eine Nacht bleiben. Warum heute die kürzere Etappe? Nun, Deutschland spielt ja um 16:00 Uhr, also kein Risiko eingehen!
Wir frühstücken gemütlich und dann die alltägliche Routine, tanken.

75 - Pause auf dem Weg in die Kalahari

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Wir verlassen Maun nach Westen auf der A 3. Anfangs fahren wir durch lichten Wald und Buschland das für die Viehwirtschaft genützt wird. Überall stehen wohlgenährte Kühe, Esel und Pferde.
In anderen Ländern Afrikas steht alle paar Kilometer die Polizei oder die Armee. In Botswana Mitarbeiter des Gesundheitsamtes. Das große Land ist vollständig von verschiedenen, landesweiten Zäunen durchzogen. Man möchte so eine Krankheitsausbreitung zwischen den riesigen Rinderherden vermeiden. Besonders Sorge hat man vor der Maul- und Klauenseuche. Aber wie an den Zäunen vorgehen wenn da eine Straße durchgeht?
Für die Rinder gibt es Kuhgitter wie bei uns. Und die Fahrzeuge die durch den Kuhdreck auf der Straße fahren? Entweder werden die Reifen mit Sprühlanzen desinfiziert oder man muss gleich in ein Bad fahren.
Ausserdem müssen alle Insassen aus- bzw. absteigen und mit den Schuhen auf einen desinfektionsmittelgetränkten Fetzen steigen. Auch die Schuhe im Gepäck müssen wir auspacken und in die Brühe drücken. Schade, vorher waren sie halbwegs sauber.
Die Landwirtschaft nimmt ab und die Bäume weichen endgültig Buschwerk. Jetzt sind wir wirklich in der Kalahari. Die Kalahari ist im eigentlichen Sinne keine Wüste sondern eine Dornstrauchsavanne. Es gibt also Pflanzenbewuchs. Die Kalahari ist das südliche Pendant zur Sahara. Auf beiden Seiten nördlich und südlich des Äquators auf Höhe etwa der Wendekreise werden die vom Atlantik kommenden Passatwinde gezwungen abzusteigen. Dadurch werden sie wärmer, können mehr Flüssigkeit speichern und deswegen gibt es keinen Regen. Nur weil die Kalahari höher als die Sahara liegt (etwa 800 bis 1000 Meter über dem Meer) ist sie kühler. Und weil es den Okavango gibt sind viele Teile auch ohne Regen sehr grün.
Botswana hat einfach nur perfekte Straßen. Die 300 km spüren wir kaum und sind gegen Mittag in der Kleinstadt Ghanzi. Die Kalahari ist die Heimat der San. Ein hochinteressantes Buschvolk das ganz ohne Hierarchien, ohne Handel und ohne Spezialisierungen lebt. Man findet sich in Jagdgemeinschaften zusammen in denen man sich gegenseitig hilft, die Gemeinschaften kann man aber jederzeit auch wieder verlassen kann oder man kann als Neuer dazu kommen. Besonders wehrhaft waren die San mit dieser für uns  wunderschön utopisch wirkenden Lebensart natürlich nicht und sie wurden immer weiter in die Savanne verdrängt. Die San die uns begegnen fallen gleich auf. Sie haben eine viel hellere Haut und ein sogenanntes Pfefferkornhaar. Der Kopf ist bedeckt von ganz kleinen, pfefferkorngroßen Haarbüscheln, dazwischen ist Kopfhaut.
Ghanzi ist eine typische Kleinstadt im Nichts. Tankstellen, Supermärkte, Gasthäuser und Hotels mit gesalzenen Preisen. Tja, kommt eben 300 km lang kein Mitbewerber. Wir suchen etwas und landen dann in einem ganz neuen, schönen Bed and Breakfast. Die Nacht ohne Frühstück und Nachmittags ohne fließendes Wasser kostet uns 110 Dollar. Und das war das bei weitem günstigste Angebot.

75 - Unser brandneues Guest House in Ghanzi.

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Aber, es gibt einen großen Fernseher und Fussball. Aber wofür? Jetzt müssen wir uns wenigstens nicht mehr nach Deutschlandspielen richten...

Morgen auf den Kalahari Highway und nach Namibia!