Ruhetag in Windhoek

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Reisetag 77

Kilometer 15.528

Heute wird mal wieder kein Motorrad bewegt. Wir schauen uns Windhoek, amtliches deutsch Windhuk, die Hauptstadt Namibias an.
Namibia ist ein sehr junges Land. Es war über hundert Jahre fremdbeherrscht. Anfangs kamen Portugiesen und Briten. Bis auf den natürlichen Hafen in Walfis Bay hat das karge und unwirtliche Land aber nicht interessiert. Namibia besteht im Osten aus der Kalahari, die in der Mitte des Landes in einen Geländerücken auf 2000 m ansteigt, hier liegt auch Windhoek, und im Westen aus der Namib, einer echten Küstenwüste zum Atlantik hin.
Im 19 Jhd. kamen einzelne deutsche Händler und Farmer die erste Siedlungen gründeten. Später wurde daraus ein deutsches Schutzgebiet und dann ab 1884 die deutsche Kolonie "Deutsch-Südwestafrika". Zwei Dinge machten das Land attraktiv: in den fruchtbareren Gegenden konnte man Viehzucht betreiben und man fand Diamanten. Anfangs seien diese einfach offen im Sand gelegen. Südwestafrika war die einzige deutsche Kolonie in die nennenswert deutsche Siedler kamen. Das erklärt auch die deutlichen deutschen Spuren bei Orts- und Straßennamen.

Anfangs behielten die Briten noch den einzigen natürlichen Hafen Walfis Bay und die Deutschen mussten in Svakopmund, 40 km nördlich an eigentlich ungeeigneter Küste einen künstlichen Hafen anlegen. Beide Orte werden wir uns die kommenden Tage ansehen.
Neben den eh schon weit in die Kalahari verdrängten San lebten hier als einheimische Bevölkerung nicht ganz friedlich miteinander die Herero und die Nama.
Die Kolonialisten brachten die Bibel, Alkohol und Schusswaffen mit. Sexuelle Übergriffe auf Frauen bis zur Sexsklaverei durch die  deutschen Schutztruppen wurden geduldet. Anfangs durch Handel wurde, verstärkt durch Dürre und Rinderpest, die Ausnützung der Herero immer brutaler.
Dies führte 1904 zum Hereroaufstand. Es wurden etwa 150 deutsche Siedler, meist unter Schonung von Frauen und Kindern, umgebracht.
Das Reich reagierte und verlegte 15.000 deutsche Soldaten unter General von Trotha in die Kolonie. Trotha, berühmt berüchtigt für seine Brutalität und für seine staatsmännischen Unfähigkeit war hoch umstritten. In deutsch Südwestafrika rächte sich die Fehlbesetzung. Mit rücksichtsloser Gewalt wurden 80.000 Herero, fast das gesamte Volk, umgebracht. Die Meisten, egal ob Männer, Frauen oder Kinder wurden dem Tod ausgesetzt in dem man sie mit Gewalt in die Wüste und von den Wasserstellen weg drängte. Konzentrationslager, Versklavungen und Vergewaltigungen waren an der Tagesordnung.
Immerhin schon 2015 hat die deutsche Bundesregierung die Ausrottung der Herero als Völkermord akzeptiert. Der Gedanken an ein bilogisches Aussitzen eventueller rechtlicher Ansprüche  von Überlebenden drängt sich auf. Das Haus in dem Trotha im Vorfeld in Hamburg den "Vernichtungsbefehl" unterzeichnet hatte gehört heute der Bundeswehr. Die nützt es für ihre Studenten und nennt es immernoch zu Ehren: Trotha Haus. Welch ein Vorbild für unsere zukünftigen Offiziere.
Im Ersten Weltkrieg wurde Namibia 1915 durch Südafrikanische Truppen erobert und nichtmehr ausgelassen.
Erneut war Namibia fremdbeherrscht, 1920 noch mit Mandat des Völkerbundes. Somit wurde auch in Namibia das menschenverachtende Apartheidsystem eingeführt. Der Internationale Gerichtshof erklärte diese Zwangsverwaltung 1971 für illegal. Es dauerte aber bis 1990 inklusive einem bewaffneten Kampf der heutigen Regierungspartei gegen Südafrika, dass Namibia, erstmals nach über 100 Jahren, unabhängig wurde. Natürlich auch erstmal ohne den Hafen Walfis Bay, der kam 1994 nach.
Vielleicht war es für das Land ein Glück in den 90ern unabhängig zu werden. In der Zeit glaubten wir ja alle wirklich an Frieden und an das Zurückstellen nationaler Interessen. Die Verfassung des Landes hat einige Besonderheiten. Es gibt im Land zum Beispiel 30 Sprachen, inklusive Deutsch. Egal welche der Sprache Amtssprache geworden wäre, man hätte die anderen diskriminiert. So wurde Englisch einzige Amtssprache, eine Sprache die von niemandem Muttersprache ist. Eine solch pragmatische Lösung war wahrscheinlich nur in den 90ern möglich.
Windhoek ist eine kleine Stadt mit knapp 300.000 Einwohnern. Hier wurde 1840 erstmals gesiedelt, offiziell besteht sie seit 1890. Damals Windhuk war auch die Hauptstadt Südwestafrikas und die deutsche Zeit hat deutliche Spuren hinterlassen. Auf diese begeben wir uns nach dem Frühstück.
Zuerst zur Christuskirche in der wir gleich den Gemeindebrief der deutschen Gemeinde ausgehändigt bekommen. 

77 - Die Christuskirche der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde Windhoeks

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Genau daneben liegt die alte Feste. Früher völlig alleine stehend wirkt das ehemalige Hauptquartier der deutschen Schutztruppe fast klein. Leider kann man nicht hinein. Das ehemalige Museum ist übersiedelt. Genau zwischen Alter Feste und der Christuskirche steht ein riesiges Gebäude das an eine Orangenpresse oder einen Stempel erinnert. Das neue Nationalmuseum. Wir besichtigen es. Schwerpunkt ist neben der Vorgeschichte die deutsche Kolonialisierung mit dem Völkermord an den Hereros und den Nama, das Apartheids-Regime unter südafrikanischer Herrschaft und dann, ganz groß, der Befreiungskampf durch die Swapo, der South-West African People's Organisation. Den sozialistischen Einfluss beim Kampf gegen Südafrika bemerkt man sofort. Die Heldenverehrung und die Bilder könnten genauso in Moskau oder Nordkorea hängen.
Das Argument einen sozialistischen Staat vermeiden zu müssen diente Südafrika um die Unabhängigkeit von 1971 bis 1990 hinauszuzögern. Und dann hat dieses "gefährdete" Land eine der besten Verfassungen und der stabilsten parlamentarischen Demokratien des Kontinents entwickelt. Als absolute Lichtgestalt, Vater der Verfassung und Vater der Unabhängigkeit gilt Sam Nujoma. Er war Führer der Swapo und später erster Präsident.
Auch beim Namen des Landes wurde Weitsicht bewiesen. Nachdem jede Bevölkerungsgruppe einen eigenen Namen für das Land hat wären wieder alle anderen diskriminiert worden. Also erfand man ein Kunstwort aus der alle verbindenden Wüste Namib.

Nach dem Museum ging es etwas durch die Stadt. Erstmals seit langem sowas wie ein Zentrum durch das man schlendern kann. Wir schauten auch bei Eva vorbei. Die Courage von gestern hat sie etwas verlassen, sie wird uns doch nicht begleiten.

Am Nachmittag etwas Ausspannen und Motorradpflege, Abends wollen wir in Joe's Biergarten, versprochen wird uns ungefähr das Hofbräuhaus Namibias.

Morgen geht's dann durch  die Namib nach Svakopmund und an die Skelettküste!





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